Der Wahlberliner Roger Baptist alias Rummelsnuff hat mit zahlreichen Musikprojekten Kultstatus erlangt. Seine umfangreiche Diskografie ergänzt er mit dem aktuellen Album „Äquatortaufe“. Darauf bleiben er und Musikerkollege Maat Asbach der ´Strommuskliedermacherei´ treu, einem Mix aus Elektro, Punk und Arbeiterlied. Und humorvoll hat euch der Käpt´n allerhand zu erzählen.

https://lab.popscene.club/wp-content/uploads/2021/09/rummelsnuff-zum-interview.mp3

Du bist 1966 in Großenhain geboren und stammst aus einem musikalischen Elternhaus. Inwieweit hat dies Deine Kindheit/Jugend in der DDR musikalisch und künstlerisch geprägt?

Dem Buben Roger (wird gesprochen wie geschrieben) wurden zunächst alle Freiheiten gelassen. Dennoch geht das Musikantenleben der jungen Eltern nicht spurlos an ihm vorbei. Er wurde stets in einem von beiden Großelternhäusern zwischengeparkt und es ging ihm von Anfang an in Fleisch und Blut über, dass Musiker nun mal eben unterwegs sind. Die Mutter kam mit Erfahrungsberichten und Geschenken aus fast allen sozialistischen Ländern, einschließlich Fidels sonniger Insel, der BRD, Westberlin oder der Schweiz zurück, auch der Vater spielte fast allabendlich Posaune und Orgel. Die meiste Zeit kümmerten sich die Großeltern in Köpenick oder die Oma in Großenhain/Sachsen. Die war es auch dann, die 1976 den Eintritt des Thälmannpioniers Roger zum Eintritt in die Musikschule der Kleinstadt veranlasste. Sie, die sie selber erfahrene Klavierlehrerin war, setzte darauf, dass die Sprosse der Familie außerfamiliäre Lehrkräfte ernster nehmen würden. Roger, also ich, lernte Fagott und bekam schließlich auch noch ein paar Klavierstunden und eine musiktheoretische Ausbildung. Im Pionierblasorchester sammelte ich erste Erfahrungen im Zusammenspiel, wenig später durfte ich schon als einer von einigen sehr jungen Mitspielern ins Großenhainer Gemeinschaftsorchester, in dem überwiegend Musiklehrer oder andere Instrumentenkundige der Kleinstadt oder umliegender Ortschaften wirkten. Aber welcher 15jährige weiß eine fundierte Ausbildung zu schätzen? Dieser hier leider nicht und die Rüpeljahre verbrachte er irgendwo zwischen Lehrausbildung, Dorfdisko oder Mopedtreff an der Kupferbergbank, da blieb natürlich immer weniger Zeit für die Musikschule.

Aber da war was, das nach Weitermachen schrie. Die Rüpelhaftigkeit verschwand nicht so schnell, wie sie gekommen war, der Junge begann mit den Punks zu sympathisieren. In Großenhain gab’s kein, also musste man selber sowas werden. Jünger fanden sich schnell, überwiegend eher aus einigen umliegenden Dörfern als aus der gutbürgerlichen Kreisstadt. Schließlich begegnete er Jörg Schittkowski, dem vormaligen John Lennon der Stadt. Der hatte nunmehr die John-Lennon-Frisur abgelegt und fand jetzt auch Punk besser. Punkmusik hatte nämlich einen Vorteil: man konnte sie auch ohne Instrumentenkenntnisse selber fabrizieren. Fortan nannten wir uns Kein Mitleid und zeigt auch keines mit der Einstufungskommission. In der DDR musste jede Band, wenn sie denn den ehrgeizigen Plan hatte, Bühnen legal zu entern, eingestuft werden. „Sehr gut“ urteilte der Obereinstufungskommissar, ein Großer der Kreiskulturprominenz. „Sehr gut, wir geben Euch das Prädikat „Mittelstufe“. Die Freude über die neugewonnene Freiheit überwog bei uns Jugendlichen der leichten Betretenheit ob des zweitniedrigsten erreichbaren Ranges. Kein Mitleid war ein neues Sternchen am kleinen „Andere-Bands-Himmel“ des 16-Millionenlandes. Nebenbei angemerkt, war die Band in den Zeiten ihrer realen Existenz, nämlich den letzten Jahren der DDR, weniger bekannt als heute, da beiden Bandhäuptlingen, Jörg Schittkowski, heute Bandchef bei Philipp Hochmair, als auch Roger Baptist, heute Rummelsnuff, mittlerweile reges Interesse für ihre Anfänge entgegenschlägt. Damals gab es drei oder vier Konzerte in der Region. Das Weiteste war Grimma. Wenig später trennte man sich und ich ging in die große Stadt, nach Dresden, als 5. Mitspieler bei den Freunden der Italienischen Oper.

Das neue Werk – Diesmal geht es an den Äquator.

Mit Automatic Noir hast Du seit den 1980er Jahren Bekanntheit erlangt. Wann ging es mit Rummelsnuff weiter und wie entstand der Name?

Wie schon in den ganz frühen Jahren gab es auch später immer wieder Abstinenzen vom Musikmachen. Immer wenn so ein Kapitel wie Gemeinschaftsorchester, Kein Mitleid, Freunde der Italienischen Oper usw. beendet war, war ich pappesatt und auf der Suche, was man noch so machen könnte. Die Abstinenz von der letzten Band Automatic Noir zu Rummelsnuff war etwas länger. Das sind Jahre, in denen nicht nur wunderschöne Dinge passierten, die vielleicht den Quell für das bildeten, was wir heute als Rummelsnuff kennen. Oder besser vielleicht für den, den wir heute Rummelsnuff nennen. Die Metamorphose war gründlich und der, der früher Roger genannt wurde, knurrt heute schon mal leicht, wenn ihn heute noch jemand so nennt.

Zu den Phasen, die man nicht missen möchte, gehört die des überschwänglichen Krafttrainings. Kraftsport hat mich auch schon als Kind fasziniert, von Gojko bis zu den Gewichthebern wurden Zeitungsausschnitte gesammelt. In der Schule gewann ich den Wettstreit Stärkster Schüler, der aus Stange oder Seltklettern, Beugestützen, Liegestützen und Klimmzügen bestand oder aber platzierte mich unter den ersten Dreien. Da findet man schnell Mitstreiter, so gab’s zwar keine kommerziellen Gyms in der ländlichen DDR, aber immer einen mit dem Schlüssel zur Krafthalle. Da wurde schon das Fundament gelegt. Dann gewann wieder das Party-Gen. Nochmal Feuer und neue Intensität kam 1989 bei einer Rumänienreise zu viert im Trabant ins Eisensportlerleben. Wir besuchten Freunde in Oradea/Nagyvarad. Dort schien fast jeder daheim selbstgeschweißte Pumpmaschinen zu haben oder man traf sich in neonbeleuchteten Schwitzkellern.

Fitnessgetränk an den Abenden waren raue Mengen Wein. Dies war das stets erhältliche Getränk in Ceauesescus Reich. Aber wir schweifen ab … So richtig fett ans Eisen ging es dann in etwa zur selben Zeit, als wir die Band Automatic Noir betrieben. Das sah gut aus, klang auch zuweilen gut, aber der optische Faktor war fast wichtiger. ich hackte Holz obenrum nackt und im Strobolicht, ein knapp 30jähriger Bodybuilder, alles Natur. Noch härter ans Körperwerk ging es nach Auflösung der Band. Jetzt fragten irgendwelche Leute, ob ich sie denn trainieren könnte. Gute Idee, um die Futterkasse aufzubessern, auch wenn nicht jedem der Eleven sein eigenes Vorankommen am wichtigsten war. Job ist Job. Protein ist teuer. Allein Sattwerden ist schon teuer, jeder Eisensportler wird mir hier beipflichten… Und selbst wenn man zuweilen nur Anschauungsmaterial ist, dann ist das ja vielleicht auch schon motivierend auf die eine oder andere Art. 2003 dann der Trainerschein bei Wolfang Kolditz, ehem. DDR-Olympiagewichtheber, grandioser Lehrmeister. Auf dem Schein stand: Trainer für Kraftsportarten. Nix Fitnesstrallala.

Ja, und gar nicht soviel später wuchs der Drang, mal wieder was mit Musik zu machen. Aus welchem Grund sollte ein liedermachender, singender Sicherheitsdienstarbeiter, Türsteher und Schwergewichtskraftsportler seinen amtsbekannten Namen beibehalten. Rummelsnuff hatte was von ´Rummelathlet´ und zu ´Snuff´ darf sich jeder/jede was denken. In der Kombination war das dann einfach der Name. Im Beisein von Sportsfreunden und unter Einfluss von Supplementen für Körper und Geist ersonnen.

Der Klassiker: Salzig schmeckt der Wind.

Ab wann hast Du Deine Tätigkeiten als Bodybuilding-Trainer und Berghain-Türsteher zugunsten Deiner Rummelsnuff-Karriere aufgegeben?

Kaum war Roger als Rummelsnuff wiedergeboren, hatte er auch schon keine Zeit mehr für die Trainerstunden. Mit der Türsteherei war’s ein bisschen anders, denn dass Rummelsnuff zeitlich stark gefordert war, hieß nicht zwangsläufig, dass auch genug Kohle vorhanden war. Bei einem Konzert auf einer kinkymäßigen Veranstaltung in den Laboratorykatakomben des Berghain entschloss ich mich einen gerade freigewordenen Posten als Türsteher zu übernehmen. Bis 2015 gab es Einsätze, dann ging’s nicht mehr. Man muss Entscheidungen treffen. Die einzig Richtige war: Konzentration auf die ´Strommusikliedermacherei´ und dass damit verbundene Reisen.

Wie würdest Du Deinen Musik-Mix bezeichnen, der sich seit dem Debüt „Halt durch!“ (2008) nur unwesentlich verändert hat?

Man ist so eingeschränkt, wie man es selber zulässt. Beim Rummelsnuff gibt’s Überraschungen, aber die Handschrift bleibt. Wie nennt man das? Da kennen sich die Fans oder vielleicht auch die Vermarkter von Musik besser aus. Rummelsnuff hat, um Fragen vorzubeugen, den Begriff ´derbe Strommusik´ als Etikett entworfen. Derbe muss nicht hart sein, derbe ist ungeschliffen. Der elektronische Pfad wird auch nur wenig spurtreu eingehalten. Viele der Weisen klingen weniger elektronisch, als ihre Entstehung vermuten lässt und stromlose Bühnenschauen gibt es auch immer häufiger. Die Mannschaft von Rummelsnuff sind, neben seinem treuen Eisenkumpel, dessen musikalische Funktion der repräsentativen untergeordnet ist, der Akkordeonmatrose Butz aus Hamburg und sein Allererster Maat an Bord, Christian Asbach.

Ist Christian Asbach an der Entstehung von Musik & Texten des neuen Albums beteiligt, oder ist er nur Teil von Rummelsnuff bei Video-Produktionen und Live-Shows?

Christian Asbach ist seit Beginn seiner festen Mitwirkung sehr wohl an der Entstehung der Alben beteiligt. Er schreibt Texte und berät und korrigiert den Käpt’n textlich als auch klangtechnisch und eigentlich auch in jeder anderen Hinsicht, nicht zuletzt beim Wirtschaften. Was das Gesangliche betrifft, muss man nicht viel erklären, so ein Mann ist die Freude des Komponisten, dem selber stimmlich die Umsetzung von Melodien nicht so gegeben ist. Er lässt Rummelsnuffs Weisen erklingen. Fast jedes Werk von Rummelsnuff ist also ein Werk von Rummelsnuff und Asbach.

Auf „Äquatortaufe“ präsentiert ihr insgesamt 16 Stücke. Hast Du dabei den ein oder anderen Lieblingstitel?

Nicht nur beim Eigenwerk gilt: Jedes Lied hat seine Zeit. Im Moment sind die beiden Shanties wohl meine Favoriten, auch „Wolf und Einhorn“ ist von zeitloser Schönheit, schon allein, da sich ein Roger durchringen konnte, das Fagott mal wieder auszupacken. Und der Fabel-hafte Text vom Maat Asbach und die musicalartige Interpretation machen das zu einem Lieblingslied. Ähnlich geht es mit „Sauerkraut“. Ein Lied wie eine Volksweise. Noch viel schöner ist, dass Christian Asbach und sogar dessen Mutter beim Textentwurf beteiligt waren.

Welchen persönlichen Bezug hast Du zum maritimen Themenfeld, dass sich wie ein Roter Faden durch Deine Veröffentlichungen zieht?

Nicht nur die oberkörperlichen Ent- sondern auch Verkleidungen (des Kopfes) spielten immer schon eine Rolle beim rummelsnuffschen Bühnengeschehen. Das Lied „Halt durch!“ war eines der ersten, der Text entstand beim Blick auf die Spree. Bei den Konzerten fingen die Leute an, den Rummelsnuff „Käpt’n“ zu rufen (Text: „eEn Käpt’n gibt nie auf“). So entstand Seemannslied um Seemannslied. Die Weite und die Poesie des Meeres lässt sich auf viele Lebenssituationen übertragen und trägt soviel Sehnsucht in sich.

Die ersten beiden Live-Präsentationen des Albums fanden bereits in Leipzig und Dresden Ende Juli statt. Wie war es nach langer Abstinenz wieder vor Publikum auf der Bühne zu stehen?

Na es war natürlich großartig, dummerweise und völlig unerwartet hatte ich einige Textpassagen altbekannter Lieder über die vielen Monde ein wenig vergessen, aber wenn der Käpt’n mal stockt greift ja das Publikum immer gern hilfreich ein.

Gute Grilltipps auch für Saarländer.

Zu älteren Hits wie „Bratwurstzange“ oder „Harzer Käse“ wie auch zum aktuellen Titelsong wurden außergewöhnliche Videos gedreht. Ist Dir das Genre ebenso wichtig wie Tonträger?

Drastisch formuliert: Ohne Videos kein Rummelsnuff. Der eigentliche Startschuss in die Ära Rummelsnuff war kein Konzert, kein Album, kein Artikel- sondern ein Video. Sozusagen ein kleiner Urknall. Rummelsnuff lauchhammert sich durch Berlin, Fachkundig aufgenommen von Sven Rebel. „Lauchhammer“ wurde schon in relativ frühen YouTube-Tagen emsig weltweit abgerufen und kommentiert. Das Video machte Interesse bei Musikmäzenen und generierte erste Fans.

Dein Merchandising umfasst aktuell auch eine Sammelfigur. Wer ist auf die Idee dazu gekommen?

Die Figur ist ursprünglich einen halben Meter groß und dieses Original wurde geschaffen von der Bildhauerin Karin Bohrmann. In Auftrag gab es der Sohn von Karin Bohrmann für eine Kunstinstallation in Berlin. Nur durch Zufälle und Zuträger erfuhr der Rummelkäpt’n von der Existenz dieser kleinen Statue und als er sie dann vor sich hatte, war er ganz hin und weg vor Erstaunen. Wohl nur anhand von Fotos und/oder Bewegtbildern hat die Frau einen völlig lebensechten und dennoch leicht überzeichneten Rummelkäpt’n geschaffen. Das ist die wahre Kunst! So großartig, dass ich mir dachte, ein paar der treuesten Fans meines Werkes mit einem kleinen Abbild dieser Figur zu bedenken. Zur Herstellung der kleinen Kopien gibt es ein aufschlussreiches Filmchen u.a. bei YouTube. Hervorzuheben ist die Handbemalung durch die Spielzeug- und Keramikherstellerin Melanie Braungart, die den 200 (!) Figuren mit feinsten Pinselchen Leben einhauchte und sogar noch die kleinen „r“ wie Rummelsnuff an der Kapitänsmütze aufpinselte.

Text: Frank Keil. Bild: PR

rummelsnuff.com

POPSCENE Redaktion

Die POPSCENE Redaktion ist seit 2009 für euch aktiv. Immer auf der Suche nach spannenden Themen aus der Welt der populären Kultur.

Hinterlassen Sie bitte einen Kommentar

Seid nett zueinander <3

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.